Lochkamera-März

Manche haben es vielleicht noch aus Grundschulzeiten in Erinnerung, aus der Lektüre von „Was ist Was?“-Büchern oder aus der Sendung mit der Maus: Wenn man in einem Raum (=Camera) die Fenster lichtdicht mit einem schwarzen Vorhang verhängt und so alles dunkel (=obscura) macht und dann in der Mitte ein kleines Loch in den Vorhang schneidet, wird auf die gegenüberliegende Wand dieser Camera Obscura ein auf dem Kopf stehendes Bild von dem, was sich vor dem Fenster befindet, projiziert. Es muss kein ganzer Raum sein, es reicht auch eine Kiste mit einer Mattscheibe an ihrer Rückseite. Das Prinzip war an vielen Orten der Welt schon vor Hunderten Jahren bekannt und wurde zum Beispiel in der Malerei genutzt. Die Entwicklung lichtempfindlicher Materialien, auf denen sich das Projizierte festhalten ließ, gelang allerdings erst im 19. Jahrhundert. Das war die Erfindung der Fotografie.

Anstelle einer einfachen Lochblende kann auch eine Linse (oder eine komplexe Anordnung mehrerer Linsen, ein Objektiv) in die Öffnung der Camera gebaut werden. Linsen bündeln das Licht auf der Projektionsfläche. Sie erzeugen ein schärferes Bild und erlauben wesentlich größere Blendenöffnungen, die mehr Licht auf einmal in die Camera lassen. Sie müssen aber auch fokussiert werden. Nur eine Ebene des Abgebildeten ist wirklich scharf, alles was davor und dahinter liegt, verschwindet, je nach Größe der Blende mehr oder weniger schnell, in Unschärfe. Eine Lochkamera dagegen bildet alle Ebenen gleich scharf ab, nirgends jedoch so scharf wie ein Objektiv die Ebene, auf die es scharfgestellt wurde. Diese durchgehend gleichmäßige Schärfe beziehungsweise Unschärfe macht die besondere Ästhetik von Lochkameraaufnahmen aus. Sie verleiht den Bildern häufig etwas Unwirkliches, als seien es Bilder aus einem Traum. Unser Auge funktioniert eher wie ein Objektiv, das wir auf die Gegenstände, die wir betrachten, scharfstellen. Ein Lochkamerafoto ist deshalb weiter weg von unseren alltäglichen Sehgewohnheiten als eine Aufnahme mit einem Fotoapparat mit Objektiv. Außerdem ist das Fotografieren mit einer Lochkamera ein völlig anderes Erlebnis. Dadurch dass das Loch so klein ist, muss viel länger belichtet werden. Man arbeitet also praktisch immer mit einem Stativ. Bewegte Motive verschwimmen auf dem Bild oder werden ganz unsichtbar. Weder der Prozess des Fotografierens mit einer Lochkamera noch das Ergebnis lassen sich mit digitalen Effekten in der Bildbearbeitung imitieren.

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